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Rückkehr nach Reims

© Arno Declair

Als sein Vater stirbt, reist Didier Eribon zum ersten Mal nach Jahrzehnten der Abwesenheit in seine Heimatstadt Reims. Eribon hat ein Buch darüber geschrieben, viele Interviews gegeben. Thomas Ostermeier hat zusammen mit Sébastien Dupouey einen Dokumentarfilm dazu gedreht, der im Stück ein zentrales Element bildet. Der Autor Eribon erzählt seine persönliche Geschichte und fragt, warum ein Großteil des kommunistisch wählenden Milieus, dem er entstammt, inzwischen zum Front National übergelaufen ist. Es gibt Regionen, in denen der FN sechzig, siebzig Prozent der Stimmen bekommt. Die Arbeiter fühlen sich verraten und verkauft. Sie kommen nicht vor. Niemand sieht sie. Was findet man also an diesem Theaterabend, was die Medien nicht schon ausführlich verhandelt hätten?

Ostermeier lässt in weiten Teilen Nina Hoss das Voice-over zu den Filmbildern im Hintergrund live einsprechen. Das Tonstudio-Bühnenbild macht die Anordnung aber noch nicht zum Theaterstück und so gibt es in der zweiten Hälfte Dialoge zwischen der Figur des Dokumentarfilmregisseurs, dem Tontechniker und Nina Hoss, die Nina Hoss spielt. Deindustrialisierung, Neoliberalismus, schwuler Autor, das sind bekannte Zutaten und keine »Breaking News«. Einziger irritierender Moment, als Nina Hoss weiter mit vierter Wand spielt und zeitgleich die beiden anderen Darsteller mit dem Publikum interagieren: Es gibt Migranten-Rap zum Mitklatschen. Alles Theater?

Als der Eribon Text fertig gesprochen ist bringt Nina Hoss ihren Vater ins Spiel. Und das ist das hoffnungsfrohe Surplus. Sie spielt, dass sie sich dazu überreden lässt die Geschichte von Willi Hoss zu erzählen (der Kommunist, Grünenmitgründer und Umweltaktivist ist ihr Vater im echten Leben). Man glaubt ihr das Zögern nicht. Vielleicht, weil die Figur Nina Hoss in diesen letzten Minuten des Stückes sich mit Willis Tochter konfrontiert sieht.

Ein atmosphärisch gut gebauter Abend – und doch wenig überraschend.


Schaubühne Berlin
Di 8. Mai 2018 um 20 h
Mi 9. Mai 2018 um 20 h
Do 10. Mai 2018 um 20 h
Fr 11. Mai .2018 um 20 h
Sa 12. Mai .2018 um 16 h
Di 15. Mai 2018 um 20 h, englisch
Mi 16. Mai 2018 um 20 h, englisch




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